Einfach Dreifach.

Retro Boller, Martin Pfeifle, Eran Schaerf

Ausstellungsplakat "Einfach Dreifach"

Laufzeit: 15.09. bis 10.11.2013

Ein zentrales Anliegen des Museum für Konkrete Kunst ist, die Besucher mit jeder Ausstellung zu überraschen und Neues erleben und entdecken zu lassen. Ganz verändert wird das Haus ab dem 15.09. im Rahmen der Ausstellung „Einfach dreifach“ zu sehen sein. Drei Künstler – Reto Boller, Martin Pfeifle und Eran Schaerf – wurden eingeladen, je eine Etage komplett neu zu bespielen. Zu diesem Zweck sind alle Einbauten samt Stellwänden verschwunden.

Im Erdgeschoss empfängt der Schweizer Künstler Reto Boller (*1966, Zürich) die Besucher mit einer Art Baustellensituation. Der große, offene Raum wird durch eine von der Treppe abgehängten Platte bestimmt. An der Rückwand steht die Arbeit PN-11.1, die aus einem Metallregal mit unterschiedlich großen Autoreifen besteht. Dank eines aufgetragenen Lacks glänzen die Reifen verführerisch und wirken dadurch anders als in einer Autowerkstatt. Boller arbeitet meist mit alltäglichen Baumaterialien, die er jedoch durch subtile Eingriffe so verändert, dass sie einen speziellen ästhetischen Reiz entfalten. Den Unregelmäßigkeiten des Gebäudes – das Mauerwerk, die Durchgangstüren, die Fensteröffnungen und den Treppenaufgang – begegnet er spielerisch und reagiert durch absichtliche Markierungen auf das Vorgefundene.

Während Reto Boller mit einzelnen Arbeiten auf die Raumsituation reagiert, entwirft Martin Pfeifle (*1975, Stuttgart) großzügige Rauminstallationen für die erste Etage. Im hintersten viereckigen Saal, der durch eine quadratische Boden- und Deckenöffnung bestimmt ist, reagiert er auf die Gegebenheit mittels einer Verspannung mit türkisfarbenen Bändern, die die Öffnung zu einer Art Trichter verwandelt. Den langen Raum davor organisiert er mit einer temporären Stellwand neu: Die Wand zieht sich parallel zur Außenmauer und durchschneidet so den Raum längs. Darauf bringt er eine Wandzeichnung an. Der Raum wirkt durch die neuen Strukturelemente vollkommen anders, da sich die neue Ordnung von der bisherigen mit ihren horizontal organisierten Kojen stark absetzt. An der hohen Wand in der ersten Etage bringt Pfeifle zudem eine weitere Papierzeichnung an, die auf typische Formen der Konkreten Kunst reagiert.

Im obersten Stockwerk stellt Eran Schaerf (*1962, Tel Aviv) sein jüngstes, intermediales Projekt FM-Scenario: Ortsübersetzer vor, das seinen Ausgangspunkt in seinen Nachrichtenhörspielen aus den Jahren 1997 bis 2011 findet. Auf der Website www.fm-scenario.net hat Eran Schaerf ein sich erweitertes Archiv von Audiomodulen angelegt. Daraus hat Peter Steckroth wiederum eine Audiomontage nur für diese Ausstellung erstellt, die erstmals am 13.09.2013 um 21.03 Uhr vom Bayerischen Rundfunk auf Bayern2 gesendet und Teil der Ausstellung sein wird. Eran Schaerf hat zudem einen räumlichen Parcours zur Konkrete Kunst und ihrem utopischen Gehalt in Wort und Bild entwickelt. Ihn beschäftigt die Auseinandersetzung mit dem Würfel bei konkreten Künstlern wie Manfred Mohr, der auch in der Sammlung vertreten ist. Der Würfel ist eine nicht-hierarchische Figur, die sich im Spannungsfeld von Zufall und Ordnung bewegt. Vergleichbare Strukturen strebt Schaerf sprachlich auf seinem Internetportal an, bei dem er das Format von Nachrichten auf ihren Anspruch auf Objektivität befragt.

Alle drei Positionen setzen sich mit Fragen der Wahrnehmung im Raum (auch im digitalen Raum), Formen und Farben, Sinnestäuschungen und Strukturen wie Wiederholung, Hierarchie und Reihung auseinander – Aspekte, die die Konkrete Kunst kennzeichnen.

Erich Buchholz

und die Avantgarde

Ausstellungsplakat "Erich Buchholz"

Laufzeit: 16.06. bis 25.08.2013

Erich Buchholz (1891-1972) nimmt eine wichtige Sonderstellung in der deutschen Avantgarde ein. Als Maler, Architekt und Grafiker entwarf er eine eigenständige „Raumkunst“, bei der er besonders viel Wert auf die Wirkung von Licht legte. Die Ausstellung widmet sich mit ca. 120 Exponaten erstmals dem Gesamtwerk und zeigt auch die intimen Familienporträts der 1930er und 1940er Jahre, ebenso wie sein Spätwerk aus der Nachkriegszeit.

Im Jahr 2012 ist ein Teil des Buchholz-Nachlasses - mit beeindruckenden 350 Werken - in die Stiftung für Konkrete Kunst und Design eingegangen und wird nun erstmals im Kontext von weiteren Avantgardekünstlern der Öffentlichkeit präsentiert. Das Werkverzeichnis, das in 10-jähriger Arbeit von Michael Ilk erarbeitet wurde, kann zu diesem Anlass vorgestellt werden. In Darstellungen zur abstrakten-konstruktivistischen Kunst der 1920er Jahre fällt der Name von Erich Buchholz viel zu selten, dabei ist seine Kunst ein eigenständiger und äußerst origineller Ansatz zu den großen Themen der russischen und deutschen Avantgarde. Buchholz, der 1891 in Bromberg/Westpreußen zur Welt kam, siedelte sich 1918 in Berlin an und begann mit ersten Zeichnungen. Ohne je an einer Akademie studiert zu haben, gelang ihm der Kontakt zur Kunstszene mühelos.

Das Jahr 1920 war die große Zäsur in seinem Werk, in dem er mittels Holzreliefs einen neuen künstlerischen Weg beschritt: Holztafeln, wie sie für den Holzdruck benutzt werden und speziell im Expressionismus beliebt waren, nutzte Buchholz als selbstständige Bildträger. Mit grobem Stichel arbeitete er aus der Platte geometrisch strenge Kompositionen heraus, die er überwiegend in den Farben Schwarz, Rot und Gold zum Leuchten brachte. Parallel zu den russischen Konstruktivisten erarbeitete er sich ein immer reduzierteres Formenvokabular, mit dem er Flächen modulierte und Plastizität erzeugte. Die Frage des Lichts im Raum und im Bild wurde für Buchholz ein zentrales Thema, dem er in verschiedenen Gattungen und Techniken nachging. Das Gold, das aus der religiösen Malerei metaphorisch aufgeladen ist, interessierte Buchholz auch aus Gründen der Lichtreflexion. Später experimentierte er mit farbigem Glas, Plexi und Bildträgern wie Velours, um Licht ins Kunstwerk zu bringen. Auch seine späten Ölgemälde zeugen von der stetigen Suche, Licht darzustellen. 1922 zog er in Berlin in das Atelier am Herkulesufer 15. Diesen kleinen Raum baute er komplett um und schrieb damit Kunstgeschichte. Alles Unnötige entfernte er oder versteckte es hinter rechtwinkligen Einbauten. Die Wände gestaltete er in den Farben Blau und Grün und brachte darauf streng geometrische Reliefs an. Diesen Raum kannten die wichtigen Künstler und Architekten seiner Zeit, die sich häufig bei Buchholz trafen. Außer der radikalen Ateliergestaltung von Piet Mondrian und den Experimenten von El Lissitzky gab es keinen anderen vergleichbaren Raum. Entsprechend wurde das Atelier von Buchholz von vielen diskutiert und war ein wichtiges Vorbild für eine neue Rauminszenierung.

1925 zog Buchholz mit seiner Familie aufs Land nach Germendorf. Seine zahlreichen Kontakte mit Künstlern brachen nicht ab, aber wie Buchholz selber sagte, suchte er die Distanz zum Kunstbetrieb. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde aus dem Rückzug eine Isolation, belegt mit Ausstellungsverbot. In den Jahren der Diktatur entstanden vor allem intime Familienporträts bis er 1951 nach dem Tod seiner Frau Lucia nach Berlin zurückkehrte.

Die Kunstwelt hatte sich entscheidend verändert und Buchholz konnte nicht an seine frühe Bekanntheit anknüpfen. Bis zu seinem Jahr 1971 entstand ein umfangreiches malerisches und plastisches Werk, in dem er an frühere Kompositionen anknüpfte und der Darstellung von Licht weiter nachging.

Die Ausstellung „Erich Buchholz und die Avantgarde“ zeigt herausragende Werke aus jeder dieser unterschiedlichen Schaffensphasen und eröffnet damit zum ersten Mal einen umfassenden Blick auf Buchholz’ facettenreiches Gesamtwerk

Die Ausstellung wird unterstützt von Audi ArtExperience.

S(ch)ichtwechsel!

Neue Blicke auf die Sammlung

Ausstellungsplakat "Schichtwechsel"

Laufzeit: 17.03. bis 26.05.2013

Überbordend, ästhetisch, augenzwinkernd und zukunftsweisend – in völlig neuer Kombination und in ganzer Fülle präsentiert das MKK eine Auswahl seiner Bestände, darunter hochkarätige Leihgaben aus der kooperierenden Sammlung Agathe und Maximilian Weishaupt und Werken der Stiftung für Konkrete Kunst und Design.

Im Frühjahr zeigt das Museum im ganzen Haus seine vielseitige Sammlung und setzt dabei unterschiedliche Schwerpunkte: In einer Sonderpräsentation werden ausgewählte Werke von Max Hermann Mahlmann, Gudrun Piper und Klaus Staudt einander gegenübergestellt, wobei zarte Raster und die Farbe Weiß in den Fokus rücken. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des freundeskreis konkrete kunst e.v. zeigt das Museum zum ersten Mal alle Werke, die dieser für die Sammlung angekauft hat. Um dem Besucher die titelgebenden ‚neuen Blicke‘ auf die Sammlung zu ermöglichen, zeigt das MKK Klassiker und Neuheiten, lange nicht Gesehenes und neu zu Entdeckendes in ungewohnten Kombinationen. So eröffnen sich ganz neue Sichtweisen auf vermeintlich Vertrautes. Wie sieht man das zarte, grau-weiße Gemälde der Züricher Konkreten Verena Loewensberg neben einer massiven Faltung aus Filz von Peter Weber? Was verraten strenge grafische Arbeiten, kinetischen Objekten gegenübergestellt? In welchen Dialog treten Klassiker der Konkreten Kunst mit zeitgenössischen Positionen, wenn sie sich auf einer großen Museumswand in dichter ‚Petersburger Hängung‘ begegnen?

Nicht nur mit dieser Ausstellung steht für die Besucher des MKK ein Sichtwechsel an – ist sie doch nach dem ‚Schichtwechsel‘ in der Führungsriege nur die erste Station in einem vielversprechenden Jahr unter neuer Leitung. Am 1. April übernimmt Dr. Simone Schimpf, zuletzt stellvertretende Direktorin des Kunstmuseum Stuttgart, offiziell die Leitung des MKK. Mit Amely Deiss als neuer Kuratorin ist das Museum für Konkrete Kunst damit fortan weiblich aufgestellt.
Ganz entsprechend dem Motto des Jahresprogramms „schlicht und ergreifend“ kann man sich bereits in dieser ersten Ausstellung 2013 davon überzeugen, wie packend, berückend, berührend und bereichernd die ungegenständliche Kunst sein kann.

Timm Ulrichs

Bilder Finder Bild Erfinder

Ausstellungsplakat "Timm Ulrichs"

Laufzeit: 02.12. bis 24.02.2013

Das Museum für Konkrete Kunst zeigt in Zusammenarbeit mit der Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt vom 2. Dezember bis 17. Februar die Ausstellung „Timm Ulrichs. Bilder Finder – Bild Erfinder“.

Die Ausstellung versammelt Arbeiten, die größtenteils noch nie oder nur selten gezeigt und veröffentlicht wurden, und bietet damit eine überraschende Sicht auf das faszinierende Werk des „Totalkünstlers“ Timm Ulrichs. Der Besucher begegnet einer unglaublichen Fülle an Ideen, die Ulrichs seit nunmehr rund fünf Jahrzehnten mit viel Humor und hintergründigem Witz in seinen Kunstwerken umsetzt. Wenige Künstler des 20. Jahrhunderts haben ein so vielseitiges und umfangreiches Werk geschaffen wie Timm Ulrichs (geb. 1940 in Berlin). Es umfasst konzeptuelle Arbeiten, Skulpturen, Environments, Fotografien, Performances, Aktionen, Konkrete Poesie, Wandarbeiten und textbasierte Arbeiten. Ulrichs entwickelte in dieser Vielfalt eine radikale Ausweitung des Kunstbegriffs und überschreitet bewusst Gattungsgrenzen. Er greift dabei die Idee der historischen Avantgarden auf und verbindet Kunst und Leben auf einzigartige Weise.

Timm Ulrichs, der sich selbst als „Totalkünstler“ bezeichnet, macht seit den 1960er Jahren sein Leben und seinen Alltag, aber auch seinen eigenen Körper zum Bestandteil seiner Kunst. Als „Erstes lebendes Kunstwerk“ hat er sich in einer Vitrine im Ausstellungsraum selbst präsentiert und in einer anderen Aktion mittels einer Tätowierung signiert. Durch Ulrichs radikalen Ansatz stehen ihm aber letztlich alle Materialien und Themen für seine Kunstwerke zur Verfügung. In „Bienenwaben-Wachscollage“ nutzt Ulrichs die formbildenden Fähigkeiten von Bienen und lässt die Tiere ihre geometrisch konstruierten Waben direkt in einen Keilrahmen bauen, den Ulrichs dann als Bild an die Wand hängt – nicht ohne die Bienen als Mitproduzenten zu erwähnen. Auch das Tarnmuster aus militärischem Kontext verwendet Ulrichs in verschiedenen Arbeiten entgegen seiner ursprünglichen Funktion, etwa in „Getarntes Krieger-Denkmal“, wenn er die Skulptur eines Soldaten tarnt und damit die Idee des Denkmals konterkariert, indem er es durch die Tarnung quasi verschwinden lässt. Für „Nehmet, esset…“ hat Ulrichs ein Kruzifix aus Schokolade herstellen lassen und findet so für die Aufforderung, die Christus beim letzten Abendmahl spricht, eine verführerische Gestaltung.

Als Bilder-Finder wird Ulrichs in der Serie „Kunst und Leben. Bildbeispiele aus Pornoheften“ tätig, die pornografische Fotografien zeigt, in deren Hintergrund Ulrichs Drucke und Kopien von berühmten Kunstwerken entdeckt hat, etwa von Vincent van Gogh oder Leonardo da Vinci. Timm Ulrichs ist ein aufmerksamer Beobachter, dem das Besondere im Alltäglichen auffällt, das er untersucht, mit anderen Phänomenen verknüpft und damit neuen Sinn stiftet. Er liebt Mehrdeutigkeiten und lässt den Betrachter seiner Arbeiten mit viel Witz über das Gesehene stolpern. In seiner Vielfalt entzieht sich sein Werk jeder eindeutigen Festlegung. Ulrichs hinterfragt vermeintliche Gewissheiten und ruft uns diese immer wieder gleichermaßen provokativ wie unterhaltsam ins Bewusstsein.

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Kerber Verlag, mit zahlreichen Abbildungen, Textbeiträgen von Peter Weibel und Gerhard Pfennig sowie einem ausführlichen Interview mit Timm Ulrichs.

Die Ausstellung wird unterstützt von Audi ArtExperience.