Montags im Museum für Konkrete Kunst

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Als Direktorin des Museums werde ich häufig gefragt, ob ich auch montags erreichbar sei, obwohl zu dieser Zeit das Museum geschlossen ist. Natürlich arbeiten wir auch, wenn das Museum nicht geöffnet ist. Im Zusammenhang mit der Debatte über die vorübergehende Schließung des Museums für Konkrete Kunst, habe ich mich gefragt, was die Öffentlichkeit wohl dann erst denken mag, wenn wir ganz ohne Öffnungszeiten auskommen.

Was es bedeutet ein neues Museum auf die Beine zu stellen, kann sich derjenige Besucher kaum vorstellen, der davon ausgeht, dass nur ein paar Gemälde aufgehängt werden müssen. Hinter den weißen Wänden der Ausstellungsräume verbirgt sich jedoch ein Apparat, der wissenschaftliche Forschung, Eventmanagement, Sammlungsarbeit, viel Verwaltung und Pädagogik vereint.

Um eine erfolgreiche Eröffnung des Museums für Konkrete Kunst und Design feiern zu können, muss im Vorfeld ein Konzept ausgearbeitet werden, in dem verankert ist, welche Ziele das Museum verfolgt, welche Zielgruppen es anspricht und wie man das Schritt für Schritt erreicht. Dieses Konzept wird zur Basis aller anderen Entscheidungen – bis ins kleinste Detail. Das reicht von der Überlegung, wie Museen in der Zukunft handeln sollen bis hin zur Frage, welche Leuchtmittel die Kunstwerke bestrahlen und welche Sitzgelegenheiten am geeignetsten sind. Diese zahllosen Entscheidungen sind an zeitintensive Ausschreibungs- und Vergabeverfahren geknüpft.

Mit dem Neubau des Museums für Konkrete Kunst und Design betritt das Team des MKK Neuland, denn mit dem Umzug kommt es zu einer 5-fachen Vergrößerung mit neuen Bereichen wie Shop, Lounge, öffentlich zugängliches Foyer und Gastronomie. Die Ausstellungsfläche allein wird mehr als verdoppelt. Die Vorbereitungen für ein solches Großprojekt sind durchaus mit der bald stattfindenden Landesgartenschau zu vergleichen. Beide benötigen eine angemessene Vorlaufzeit für Inhalte, Vermittlungsprogramm, PR und Marketing, um die zukünftigen Besucher zu begeistern. Zur Einschätzung des Arbeitsaufwandes: für eine große Wechselausstellung im derzeitigen Haus ist eine Kuratorin ein Jahr lang mit Recherche, Leihgabenbeschaffung, Ausstellungskonzeption und Umsetzung beschäftigt. Dabei erhält sie tatkräftige Unterstützung von allen Kollegen. Die Eröffnungsausstellung mitsamt Katalog im Neubau wird einen ähnlichen Arbeitsumfang haben.

Die wissenschaftliche Forschung findet jedoch nicht nur für Ausstellungen statt. Sie fokussiert vornehmlich den eigenen Bestand. Wir betreuen derzeit rund 15.000 Kunst- und Designobjekte. Nach dem Depotbrand im Oktober 2018 hat sich unser Arbeitspensum in diesem Bereich enorm erhöht. Im Moment laufen aufwändige Restaurierungs- und Dokumentationskampagnen. Die Sammlungspflege ist ein zentrales Aufgabenfeld, von dem unsere Besucher nichts mitbekommen. Es ist jedoch die Basis jeder Museumsarbeit. Inhaltlich wird sich das Museum ebenfalls erweitern. Neben Konkreter Kunst wird Design zu einem Hauptmerkmal der Sammlung und der Ausstellungen. Designobjekte verlangen nach anderer Ausstellungsgestaltung, Präsentationsform und Pflege. Wie sich das Museum diesen neuen Aufgaben stellen möchte, bedarf einer gut überlegten Vorgehensweise und bedingt, dass wir uns die Konzepte von vergleichbaren Häusern eingehend anschauen.

Auch das Museum 4.0 will bis zur Eröffnung entwickelt sein. Eine digitale Strategie ist für ein zukunftsfähiges Museum unabdingbar. Das zieht einen erneuerten Online-Auftritt mit sich ebenso wie ein pädagogisches Konzept, das Inhalte im Ausstellungsraum sinnvoll digital sowie analog vermittelt. Ein Beispiel dafür ist der Multimediaguide, der Architektur, Ausstellung und Besucher berücksichtigen soll. Solche Medien müssen erdacht und dann mit guten Texten, Filmen und Bildern gefüllt werden.

Das moderne Gebäude verlangt nach modernen Lösungen für die Ausstellungen, das begleitende Programm und die Vermittlung. Zwar bringt das Team des MKK reichlich Erfahrung in diesem Bereich mit, dennoch muss es sich in seinen bisherigen Entscheidungen hinterfragen, um dem Anspruch des neuen Gebäudes gerecht zu werden. Fragestellungen in Ausstellungen müssen relevant und zeitgemäß sein und das Programm darauf zugeschnitten. Events müssen öffentlich wirksam beworben werden und das übergreifende Konzept und die Präsentation dem Zeitgeist entsprechen. Hinzu kommt die Außenwirkung, die gepflegt sein möchte. Das zukünftige MKKD ist eine neue Marke, die in den Bildungs- und Freizeitsektor von Ingolstadt und der Region eingegliedert werden will. Wir erarbeiten Kooperationen mit verschiedenen Partnern und wollen uns so neue Besuchergruppen erschließen.

Hinter all diesen Aufgaben steht ein immenser und stets wachsender Verwaltungsaufwand. Vorstellungen des idealen Museums finden häufig ihre Grenzen, wenn sie die Verwaltung erreichen. Bildrechte einholen, technische Ausstattung beantragen, Ausschreibungen und Verträge erarbeiten, Förderanträge stellen und vieles mehr – das benötigt Zeit. Besonders wenn ein neues Projekt wie das Museum auch neuartige Anfragen stellen muss, um Innovation schaffen zu können.

Diese Aufgaben stehen dem Team des MKK nicht erst bevor, wenn der Neubau übergeben wird. Die akribische Planung benötigt eine geraume Vorlaufzeit, damit das neue Museum überhaupt ein Erfolg werden kann. Die zeitweise Schließung eines Museums ist deshalb ein gängiger und sogar notwendiger Vorgang. Das haben bereits andere Museen gezeigt. Das Ingolstädter Armeemuseum im Alten Schloss schloss seine Türen  für etwa ein Jahr, um Teile der neuen Dauerausstellung einzurichten. Die Kunsthalle Mannheim schloss mit der Unterstützung der Bürgerschaft ihre Pforten für eineinhalb Jahre, wobei die Planung bereits vier Jahre im Voraus begann. Für die Vorbereitung auf das neue Haus holten sie externe Expertisen ein und schufen weitere Arbeitsplätze. Insgesamt nahmen sich 38,5 Vollzeitstellen dieser Mammutaufgabe an. Zum Vergleich: das MKK verfügt derzeit über dreieinhalb Planstellen, die sich mit dem laufenden Betrieb und der neuen Aufgabe beschäftigen können. Eröffnet wurde die Kunsthalle Mannheim im Juni 2018 zunächst ohne Kunstpräsentation, da die Schließungsphase zu kurz kalkuliert worden war. Nach einem weiteren halben Jahr wurde die Eröffnung ein großer Erfolg. Wir würde es für sehr sinnvoll erachten, im Frühjahr 2021 zu schließen, wenn wir das Gebäude ein Jahr später übergeben bekommen. Danach läuft die Inbetriebnahme und Einrichtung. Die ganzen Vorbereitungen müssen bis dahin stehen.

Wenn das MKK in der Tränktorstraße schließt, kann sich mein Team ausschließlich auf den Neubau konzentrieren. Im laufenden Ausstellungsbetrieb bleibt fast keine Kapazität übrig. Um die Sichtbarkeit bei den Bürgern nicht zu verlieren, planen wir maßgeblich unterstützt durch unseren Freundeskreis eine öffentlichkeitswirksame Kampagne, die Lust auf das neue Haus macht. Mit dem Hinauszögern des Schließungsdatums der Donaukaserne, in der das Museum derzeit seine Arbeitsergebnisse zeigt, verkürzt sich die Vorbereitungszeit für das MKKD. Damit schrumpft auch die Möglichkeit eines erfolgreichen Museums. Das wäre fatal, da das Museum für Konkrete Kunst mit seiner Sammlung in Deutschland einzigartig ist und Kunstinteressierte aus der ganzen Welt anzieht. Dies speist sich nicht nur aus den Kunstwerken in unseren Räumen, sondern vor allem aus der Museumsarbeit, die hinter den Kulissen stattfindet – auch montags.

Dr. Simone Schimpf