Lieblingsstück

Sammeln, Bewahren, Erforschen, Zeigen – all das sind die Aufgaben eines Museums. Doch nur ein Bruchteil einer Sammlung kann in Ausstellungen präsentiert werden. Die überwiegende Mehrheit der Werke schlummert in den Depots. Während sich die einen also im Museum von den Besuchern studieren lassen, bleiben andere verborgen. Unter der Rubrik Lieblingsstück möchten die Mitarbeiter*innen des Museum für Konkrete Kunst und der Stiftung ihre persönlichen Favoriten vorstellen und somit einen etwas anderen Blick auf die Sammlung eröffnen.

Lieblingsstück

Dr. Simone Schimpf, Direktorin

Timm Ulrichs, „Mikado“. Ein Gesellschafts-„Riesenspielzeug“, 1972/73/2010

Timm Ulrichs, „Mikado“. Ein Gesellschafts-„Riesenspielzeug“, 1972/73/2010

Ende März 2020 wird Timm Ulrichs 80 Jahre alt! Seine Kunst aus nunmehr 60 Jahrzehnten wirkt frisch und treffend, als ob sie gerade erst entstanden wäre. Ein schönes Beispiel ist das riesige „Mikado“, das der Stiftung für Konkrete Kunst und Design in Ingolstadt gehört, denn Ulrichs ist seit 2012 Stiftungskünstler. Jeder kennt das Geschicklichkeitsspiel, das in diesem Fall aus 31 Holzstäben mit einer Länge von 3,60 m besteht. Ich kenne diese Arbeit nur aus unserem Depot. Dort liegen die schweren Stäbe kompakt eingelagert. Das letzte Mal war dieses große Werk in unserer Ulrichs-Retrospektive 2012 zu sehen. Sie nahm das ganze Erdgeschoss ein.

Beim Gesellschaftsspiel werden die Stäbchen geworfen und es entsteht ein zufälliger, wackeliger Haufen. Bei Ulrichs‘ Kunstwerk wird der anscheinende Zufall genau aufgebaut. Die Stäbe sind so schwer, dass sie nicht mehr von einem Einzelnen herausgeholt werden können. Das riesige Mikado lässt sich nur gedanklich spielen. Und das macht dieses Kunstwerk so interessant! Für mich ist es ein gelungenes Sinnbild von Gesellschaft/Gemeinschaft. Jedes einzelne Teil trägt zur Stabilisierung bei und hat in dem vermeintlichen Chaos seinen Platz.

Dr. Simone Schimpf, Direktorin

Lieblingsstück

Ann-Kathrin Ziganki, wiss. Volontärin

Imre Kocsis „O.III.80, o.T.“, 1980

Imre Kocsis „O.III.80, o.T.“, 1980

In der Konkreten Kunst verschmelzen zwei meiner Leidenschaften: Architektur und gegenstandsfreie Kunst. Die fünf Elemente aus schwarz lackiertem Pressspan sind rhythmisch angeordnet, in ihrem Abstand und ihrem Winkel. Indem sie die Wand mit dem Boden verbinden, werden sie zu architektonischen Streben des bestehenden Raums. Aus dem Kunstwerk wird Konstruktion und aus dem architektonischen Gerüst wird Ästhetik. Der Boden und die Wand treten auf neue Weise miteinander in Kontakt und eröffnen dadurch einen Raum, der sich zuvor der Wahrnehmung entzog. Die lackierten Latten sind die Elemente, welche den Raum strukturieren und organisieren. Dieser ist jedoch nicht abgeschlossen und interagiert darüber hinaus mit dem Ausstellungsraum.

Die schwarzen Streben zeigen die Beziehungen zwischen den Elementen der vorhandenen Architektur auf, kreieren gleichzeitig einen neuen Raum und verändern die bestehende Raumwahrnehmung.

Ähnliches erleben wir derzeit. Beziehungen werden ihrer Selbstverständlichkeit enthoben und es werden neue Wege begangen, um in Kontakt zu bleiben. Private wie berufliche Begegnungsräume verlagern sich vermehrt ins Digitale.
Gerade wird unsere Gesellschaft neu konstruiert. Die Elemente der Verbindung sind dabei das Gerüst, welches die Ordnung dafür schafft.

Ich persönlich hoffe, dass in unserer gesellschaftlichen Neukonstruktion die Kunst eine entscheidende Stütze und Verbindung darstellt. Denn obgleich Kocsis uns eine Welt aus Schwarz und Weiß vorsetzt, wirft seine Konstruktion doch Schatten, die zeigen, dass wir in Grauzonen leben, in denen es mehr gilt abzuwägen, als feststehende Urteile und Entscheidungen zu fällen.

Ann-Kathrin Ziganki, Kunstwissenschaftlerin

Lieblingsstück

Julia Steves, Restauratorin

DIeter Roth, kleiner Sonnenuntergang, 1968

Dieter Roth „kleiner Sonnenuntergang", 1968

Bei der Betreuung einer modernen Kunstsammlung kann ich als Restauratorin in meiner erhaltenden Aufgabe schon mal an meine Grenzen stoßen, wenn organische Materialien als Medien eingesetzt werden. Es stellt sich die Frage nach der richtigen Erhaltungsstrategie: Konservieren um jeden Preis? Ausgangspunkt sollte meiner Meinung nach immer die künstlerische Intention sein.
Eines der bekanntesten Werke mit Lebensmitteln in unserer Sammlung ist der „kleine Sonnenuntergang“, 1968 von Dieter Roth. Hier wird das bekannte Vanitas-Motiv unter Verwendung einer verwesenden Salami wieder aufgegriffen. Die Betrachtung dieser sichtbaren Zersetzung führt zum Nachdenken über die eigene Vergänglichkeit und zeigt dem Menschen die Grenzen seiner Existenz und Kontrolle. Dieser Effekt erinnert mich an vieles, was wir momentan erleben und die erzwungene Übung des „Loslassens“.

Mit dem künstlerischen Einsatz der natürlichen Veränderung von organischer Substanz bezieht Roth den geplanten, aber nicht steuerbaren Zufall in das Werk mit ein. So auch die Zersetzung durch Umwelteinflüsse wie Temperaturschwankungen oder Schädlinge, die ich in der Regel versuche zu verhindern. Roth selber beschrieb Mäuse und Würmer als "meine Mitarbeiter, die nicht gestört werden dürfen. Die tun ihre Arbeit, wie jeder von uns auch." Der Prozeß des Zerfalls bestimmt die eigentliche Qualität der Arbeit und definiert die Zeit als werkimmanent. Das Kunstwerk wird für ihn zu „art in progress“ und für mich zu einer Aufforderung zum Umdenken.

Julia Steves, Restauratorin

Lieblingsstück

Anneli Kraft, wiss. Mitarabeiterin Inventarisierung und Sammlung

Heinrich Löffelhardt, "Neckar" 1957 für die Vereinigte Farbenglaswerke AG, Zwiesel

Trinkglas-Garnitur „Neckar, Heinrich Löffelhardt, 1957 für die Vereinigte Farbenglaswerke AG, Zwiesel

Zugegeben, mein Lieblingsstück ist jetzt nicht unbedingt ein Blickfang und Sie werden sich vielleicht fragen, was denn das Besondere an diesem Weinglas ist. Für mich liegt der besondere Reiz gerade in diesen ganz normalen Alltagsobjekten! Denn bei genauerer Betrachtung sind sie häufig weniger gewöhnlich, als sie scheinen.

Die Trinkglas-Garnitur „Neckar“ aus der Designsammlung des Museums für Konkrete Kunst schrieb Mitte des letzten Jahrhunderts Technologiegeschichte! Der Gestalter Heinrich Löffelhardt entwarf dieses erste maschinell hergestellte Kelchglas in Deutschland für die Vereinigten Farbenglaswerke in Zwiesel. Nachdem es 1962 auf den Markt kam, verzeichnete es einen derartigen Erfolg, dass es bereits nach wenigen Monaten ausverkauft war. Daraufhin bevölkerte es über Jahrzehnte sowohl die Gastronomie als auch viele Privathaushalte. Das Erstaunliche an diesem Glas ist, dass die maschinelle Herstellung mit ihren speziellen Anforderungen, auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Während andere automatisch hergestellte Gläser in dieser Zeit dicke Stiele oder wulstige Mundränder hatten und insgesamt eher plump waren, ist „Neckar“ mit dem facettierten Stiel, der geschickt die Press-Nähte der Herstellung kaschiert, elegant und filigran!

Wir nehmen die Dinge, die unser tägliches Leben umgeben, häufig gar nicht mehr wahr. Vielleicht liegt die Chance dieser besonderen Zeit, in der viele von uns an die eigenen vier Wände gebunden sind, darin, nach den Geschichten hinter diesen alltäglichen Gegenständen zu suchen. Werfen Sie doch einmal einen Blick in Ihren Schrank!

Anneli Kraft, wissenschaftliche Mitarbeiterin Inventarisierung und Sammlung

Lieblingsstück

Alexandra Liebherr, Kuratorin

Shannon Finley, Sunset, 2015

Shannon Finley, Sunset, 2015

Definitiv ein Blickfang und mein persönliches Lieblingsstück: Shannon Finleys „Sunset“.
Aus nächster Nähe betrachtet scheint hier und da, unter viel Farbe ein Stück Leinwand hervor -  sichtbar dort wo Finley mit dem Spachtel die dicken Farbschichten am Keilrahmen ausdrückt.  
Aus der Ferne lässt sich kaum erkennen, dass es sich um ein Acrylgemälde handelt, denn seine symmetrischen Kompositionen sprechen eine digitale Formsprache. Zu dieser kommt es nicht zuletzt dadurch, dass Finley seine Bilder zuerst auf dem Computer konzipiert. Vom Bildschirm auf die Leinwand überträgt er seine Bildidee mit bis zu 40 dünnen Farbschichten. Beim Schichten der Farbe zieht Finley einen scharfen Spachtel über die Leinwand und nutzt Klebeband um seine Prisma ähnlichen Formen zu gestalten.
Durch die Variationen der Schichten an Dicke und Breite entstehen subtile Farbverschiebungen und Texturen. Meistens, wie auch bei „Sunset“, grundiert Finley die Leinwand mit einem Neonpink, welches bis in die oberer Schicht durchscheint. Dadurch entsteht ein faszinierendes Leuchten in seinen Arbeiten, so dass seine Gemälde wirken als wären sie von hinten bestrahlt.

Alexandra Liebherr, Kuratorin

Lieblingsstück

Anke Schneider, Leiterin Kunstvermittlung

François Morellet, Ohne Titel, ca. 1974 – 78

François Morellet, Ohne Titel, ca. 1974 – 78

Unsere Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Vieles von dem, was wir als gültig angesehen haben, hat sich verschoben, ist verrutscht. Schieflage. Das scheint in ähnlicher Weise auch für mein Lieblingsbild von François Morellet (1926 – 2016) zu stimmen.

Es ist „nur“ ein kleines Bild (60x60 cm), eher unauffällig, feine Linien schwarz auf weiß. Der quadratische Bildträger, hängt aber nicht rechtwinklig an der Wand, sondern ist um „nur“ ca. 5 Grad gekippt. Diese 5 Grad reichen aus, um den Betrachter zu irritieren, und das auf eine Art, die das Wesen des Künstlers als sehr humorvollen Menschen und als Meister der Reduktion widerspiegelt.

Das Gesetz, das Morellet hier angreift, ist die weitläufige Annahme, dass ein Bild „gerade“ hängen muss. Gerade ja, aber gerade zu was – also was ist die Messgröße? Die Linien sind absolut waagrecht und parallel zueinander, trotzdem hat manch einer den inneren Drang, das Bild „gerade zu rücken“. Unsere Erfahrungen und Erwartungen, die wir immer in eine Werkbetrachtung mit einbringen, stellt Morellet hier in Frage. Es ist uns fast unmöglich, frei und offen ein Werk zu betrachten, immer ist es unser Vorwissen, unsere Haltung zur Welt, eben unserer Wahrnehmung, die wir mit einbringen.

Morellet schreibt dazu, dass „… die bildende Kunst es dem Betrachter erlauben muss, das in ihr zu finden, was er möchte, das heißt das, was er von sich aus mitbringt. Kunstwerke sind Picknickplätze, spanische Wirtshäuser, wo man das verzehrt, was man selber mitgebracht hat…“. Und wir vom MKK hoffen sehr, Sie bald wieder in unser Museum zu einem Kunstpicknick einladen zu können.

Ein Bild kann ansprechen oder abstoßen, kann berühren oder kalt lassen. Wir können einiges über Künstler, Thema, Technik erfahren, wir können uns mit anderen über das Kunstwerk austauschen, aber eines müssen wir trotz vieler Kunstexperten genauso wie in der momentanen Situation: uns selbst eine Meinung bilden. Ich freue mich darauf Ihre zu hören!

Anke Schneider, Leiterin der Kunstvermittlung

Lieblingsstück

Theres Rohde, Kuratorin

Ausstellungsansicht Out of Office, 2017; Tina Haase, London, 2012

Tina Haase, "London", 2012

Out of Office – die Abwesenheitsnotiz ist aktueller denn je. Ob wir den momentanen Zustand als willkommene Abwechslung vom gewohnten Büroleben oder als Zwang empfinden, er ändert unseren Blick auf den bisherigen Arbeitsalltag. Gerade deshalb gehört das Werk „London“ von Tina Haase für mich zu den Sammlungstücken der Stunde.

Die Künstlerin montierte Plastikordner übereinander und komponierte ein mehrschichtiges Werk, an konkrete Malerei erinnernd. Statt mit Leinwand und Farbe, die als Materialien in der Kunst anerkannt sind, arbeitete sie mit Behelfsobjekten des Büros. In den farbigen, durchscheinenden Kunststoffflächen der Ordner entdeckte sie ästhetisches Potenzial.

„London“ wurde nach der Ausstellung „Out of Office“ vom MKK angekauft. Damit ist eine Erinnerung an Haases Wandarbeit „Wieviel Farbe kannst du noch ertragen?“ geblieben, die temporär für die Ausstellung und nur in unserem Museum existierte. Wer sie erleben wollte, musste das MKK besuchen.

Gerade heute, da wir gezwungen sind, Zuhause zu bleiben, lernen wir Orte schätzen, die wir sonst als selbstverständlich hinnehmen. Das Büro oder das Museum – ich freue mich wieder auf beides.

Dr. Theres Rohde

Lieblingsstück

Marie-Luise Heske, wiss. Mitarbeiterin und Sammlungsverwalterin Stiftung

Edgar Gutbub, Schaukelstuhl-Objekt, Nr.1 (blau), 1997

Edgar Gutbub, Schaukelstuhl-Objekt, Nr.1 (blau), 1997

Das In-sich-Versenken ist eine Erfahrung, zu der wir in den letzten Wochen vielleicht ein wenig öfter gekommen sind. Ruhe und Zeit und Fokus – Parameter, die sich im Alltag gelegentlich etwas rar machen, sind Vorrausetzung dafür, dass sich dem Betrachter der Charme von Edgar Gutbubs leisen Werken eröffnet.

Zeitlebens hat sich der Künstler ganz der Kunst verschrieben – nicht eremitisch und auch nicht von der Welt abgeschieden, wohl aber in Stille und Kontemplation. In einem Wuppertaler Industriegebäude vereinte er Leben und künstlerisches Schaffen in einem ausnahmslos ästhetisierten Refugium, das jedem noch so unscheinbaren (Alltags-)Ding seinen Platz in einem von ihm penibel gestalteten Raum zuwies.

Sein Erbe hat der Künstler der Stiftung für Konkrete Kunst und Design vermacht.
Eine Herausforderung für die Stiftung, denn nebst seinen eigenen Arbeiten hinterließ er eine umfangreiche Kunst- und Designsammlung. Eine Arbeit, die uns auf Seiten der Stiftung mit dem Profil einer Nachlassstiftung, die letzten zwei Jahre beschäftigte.

Eine markante Arbeit aus dem umfangreichen Œuvre ist das Schaukelstuhl-Objekt Nr. 1 (blau). Hier durchdringen sich Gutbubs künstlerische Position mit den von ihm bewunderten Designideen, zart changierend zwischen konkreter Formensprache und einer Hommage an Marcel Breuer. Nicht offenkundig ist, dass der Schaukelstuhl nur schwerlich benutzt werden kann. Viel zu unbequem, viel zu empfindlich ist das Objekt. Doch vergegenwärtigt er allein durch die Betrachtung das ruhige Wippen und das Gedankenschweifenlassen, was einem solchen Möbel inne wohnt.

Marie-Luise Heske, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Sammlungsverwalterin der Stiftung

Lieblingsstück

Willi Trenner, wiss. Mitarabeiter Inventarisierung und Sammlung

Adolf Luther: Hohlspiegelobjekt, 1969

ADOLF LUTHER, HOHLSPIEGELOBJEKT, 1969

„Kunst ist ein Verfahren, Wirklichkeit zu gewinnen, und daher experimentell“, befand der Künstler Adolf Luther einmal.
Tatsächlich zeichnet sich die experimentelle Zugkraft in seinem Hohlspiegelobjekt aus dem Jahr 1969 darin ab, indem das Objekt keine geschlossene Bildkomposition hat. Anstelle einer vollendeten Malerei auf einem Bildträger im Rahmen, spiegeln sich die Betrachter*innen in den runden konkaven Hohlspiegeln, die das einfallende Licht je nach verändertem Betrachtungsstandpunkt reflektieren. Die Interaktion der Plexiglaselemente und der Spiegel mit dem Licht sowie dem umgebenden Raum illustriert eindrucksvoll die Produktion einer sichtbaren Realität, die nicht statische, sondern situative Wechselverhältnisse zur Geltung bringt.

Dieses Phänomen verdeutlicht sich im physikalischen Prinzip, bei dem die in den Hohlspiegeln einfallenden Bilder gebrochen und wiederum auf dem Kopf stehend zurück nach vorn projiziert werden. Dieses irritierende Seherlebnis veranschaulicht für Luther die energetische Wirkkraft des immateriellen Lichts, das die materielle Realität reflektiert, verkehrt, vervielfacht und damit erkennbare und vermeintlich feststehende Voraussetzungen in Frage stellt. Sofern sich eine Parallele zu diesem Seherlebnis und der aktuellen Situation ziehen lässt, könnte damit ein Verständnis von Wirklichkeit aufgeworfen sein, das unter immer neuen Konstellationen zur Entfaltung gebracht wird.

Willi Trenner, wissenschaftlicher Mitarbeiter Inventarisierung und Sammlung

Peter Vogels kybernetische Objekte

Peter Vogel, Minimal Music Piece, kybernetisches Objekt, 1985, Draht, Messing, elektrische Bauteile, 27 x 27 x 123 cm, ©Achim Vogel Muranyi, Foto: Hubert P. Klotzeck

Im Zuge der Vorbereitungen für die Peter Vogel Ausstellung, die im Sommer 2018 im MKK gezeigt wurde, habe ich mich intensiv mit den Arbeiten auseinander gesetzt, die sich im Besitz des Museums und der Stiftung befinden. Bei den Werken von Peter Vogel (1937-2017), der sowohl im Bereich der Physik als auch der bildenden Kunst tätig war, handelt es sich um kybernetische Objekte, die Wissenschaft und Kunst miteinander vereinen und durch Interaktion des Betrachters mit dem Werk in Form von Klang, Bewegung oder Licht unterschiedlich reagieren.

Im Fall von „Minimal Music Piece“ von 1985, meinem persönlichen Lieblingsstück, werden durch Abschattung der vier im Werk integrierten Photozellen Tonfolgen ausgelöst. Je nach Schattenfall und Reihenfolge der Abschattung einzelner Zellen ergibt sich eine Überlagerung von vier Tonfolgen, die dann über die vier eingebauten Lautsprecher erklingen. Als Betrachter regt man sozusagen ein Wechselspiel mit dem Werk an, das erst hierdurch seine vollständige Funktion erfüllen kann und zum Leben erwacht. Auf die Aktion des Betrachters, hier der Schattenwurf auf Sensoren, reagiert das Objekt indem es die Information elektronisch verarbeitet und in hörbare Klänge und Geräusche umwandelt. „Minimal Music Piece“ ist ein Zusammenspiel aus ästhetisch ansprechender Optik, komplexer Schaltkreise und der Möglichkeit als Betrachter selbst aktiv an der Kunst teil zu haben. Dies und die individuellen Erfahrungen, die jeder selbst mit den Arbeiten Peter Vogels machen kann, sind das, was für mich die besondere Faszination ausmachen.

 

Julia Steinbach, M.A.
Ehemalige wissenschaftliche Volontärin der Stiftung

Ludwig Wildings Spiel mit der Wahrnehmung

Ludwig Wilding, RC 1003, Räumliche Collage, 1985, Siebdruck auf Kapafix, 100 x 100 cm, ©Nachlass Ludwig Wilding/ Ingeborg Wilding-König, Foto: Helmut Bauer, Ingolstadt

Als Volontärin der Stiftung für Konkrete Kunst und Design befasse ich mich vor allem mit den Vor- und Nachlässen der Stiftungskünstler, zu denen auch eine große Bandbreite an Werken von Ludwig Wilding gehört. Zusammen mit seiner Frau Ingeborg Wilding war Ludwig Wilding Gründungsstifter der Stiftung.

Das Experimentieren mit der visuellen Wahrnehmung steht bei seiner Kunst im Vordergrund. Meist handelt es sich bei Wildings Werken um dreidimensionale Objekte. Mit Streifen aus Kapafix, die überlagert werden, fügen sich in der räumlichen Collage „RC 1003“ Raster zusammen. Durch die schwarz-weißen Kontraste sowie die Strukturüberlagerung entsteht der sogenannte Moiré-Effekt – dieser beschreibt die virtuellen Bewegungen und Verschiebungen im Bild. Das Ziel des Künstlers ist dabei die Sehgewohnheiten des Betrachters zu irritieren und diesem eine neue Art der Wahrnehmung vorzustellen.
Die Aspekte Verknüpfung, Raster, Wahrnehmung und Täuschung spielen bei meinem Lieblingsstück „RC 1003“ die größte Rolle. Diese Vielfalt begeistert mich und lässt für jeden Betrachter verschiedene Zugänge zum Werk zu.

Sarah Kirsch, ehemalige wissenschaftliche Volontärin der Stiftung

 

Christian Megerts Spiegelraum

Christian Megert: Zero-Raum, 1963-2006, Holz, Spiegel, Faden, 600 x 600 x 400 cm, Stiftung für Konkrete Kunst und Design, Foto: Helmut Bauer, Ingolstadt

Der Zero-Raum von Christian Megert ist für mich ein einzigartiges Werk unserer Sammlung und ein persönliches Lieblingsstück. Es handelt sich hierbei um eine großformatige Installation aus einer gewölbten Spiegelwand von vier Metern Höhe und einem davorgehängten Mobile aus runden Spiegeln. 

Den Zero-Raum auszustellen, erfordert aufgrund seiner Ausmaße einiges an Vorbereitung und Manpower. Daher freut es mich immer besonders, wenn solche Werke aus dem Depot geholt werden und man diesen Raum aufgebaut erleben kann. Das Museum Ritter in Waldenbuch - das die Kunstsammlung der Miteigentümerin der Firma Ritter Sport, Marli Hoppe-Ritter, zeigt - hat dieses Werk gerade von uns für eine großartige Einzelausstellung des Künstlers Christian Megert ausgeliehen. Dort war Zero-Raum das Highlight der Ausstellung „Christian Megert. Ohne Anfang und Ende“. Dies ist für mich gut nachvollziehbar, denn gerade die Interaktion, in die der Betrachter mit dem Zero-Raum tritt, übt eine große Faszination aus. Die vielen Spiegel reflektieren den Raum und den Betrachter selbst aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei ergibt sich ein bewegtes Bild, denn die Rundspiegel des Mobiles drehen sich schon bei der geringsten Luftbewegung und verändern so immerfort die Raumerfahrung.

Bereits seit den 1960er Jahren arbeitete Christian Megert mit Spiegeln. In seinem Manifest „ein neuer Raum“ von 1961 beschreibt er seine Intention hierfür: „ich will einen neuen raum bauen, einen raum ohne anfang und ende, in dem alles lebt und zum leben aufgefordert wird, der gleichzeitig ruhig und laut, unbewegt und bewegt ist. (…) und die bewohner dieses raums werden zu den größten künstlern unserer zeit, und jedermann kann ein bewohner dieses raumes werden.“ So gibt Megert jedem Betrachter die Möglichkeit, ein Künstler zu werden. Und ich freue mich darauf, wenn wir den Zero-Raum im neuen Museum ab 2019 zeigen können. 

Dorothea Niggemeier, ehemalige Mitarbeiterin