Lieblingsstück

Sammeln, Bewahren, Erforschen, Zeigen – all das sind die Aufgaben eines Museums. Doch nur ein Bruchteil einer Sammlung kann in Ausstellungen präsentiert werden. Die überwiegende Mehrheit der Werke schlummert in den Depots. Während sich die einen also im Museum von den Besuchern studieren lassen, bleiben andere verborgen. Obwohl sie nicht minder betrachtenswert sind und sich auch unter ihnen wahre „Lieblingsstücke“ befinden. Solchen, ob aus den aktuellen Ausstellungsräumen oder aus den Depots, soll hier Raum gegeben werden. Unter der Rubrik Lieblingsstück möchten die MitarbeiterInnen des Museum für Konkrete Kunst und der Stiftung für Konkrete Kunst und Design ihre persönlichen Favoriten vorstellen und somit einen etwas anderen Blick auf die Sammlung eröffnen.

Peter Vogels kybernetische Objekte


Peter Vogel, Minimal Music Piece, kybernetisches Objekt, 1985, Draht, Messing, elektrische Bauteile, 27 x 27 x 123 cm, ©Achim Vogel Muranyi, Foto: Hubert P. Klotzeck

Im Zuge der Vorbereitungen für die Peter Vogel Ausstellung, die im Sommer 2018 im MKK gezeigt wurde, habe ich mich intensiv mit den Arbeiten auseinander gesetzt, die sich im Besitz des Museums und der Stiftung befinden. Bei den Werken von Peter Vogel (1937-2017), der sowohl im Bereich der Physik als auch der bildenden Kunst tätig war, handelt es sich um kybernetische Objekte, die Wissenschaft und Kunst miteinander vereinen und durch Interaktion des Betrachters mit dem Werk in Form von Klang, Bewegung oder Licht unterschiedlich reagieren.

Im Fall von „Minimal Music Piece“ von 1985, meinem persönlichen Lieblingsstück, werden durch Abschattung der vier im Werk integrierten Photozellen Tonfolgen ausgelöst. Je nach Schattenfall und Reihenfolge der Abschattung einzelner Zellen ergibt sich eine Überlagerung von vier Tonfolgen, die dann über die vier eingebauten Lautsprecher erklingen. Als Betrachter regt man sozusagen ein Wechselspiel mit dem Werk an, das erst hierdurch seine vollständige Funktion erfüllen kann und zum Leben erwacht. Auf die Aktion des Betrachters, hier der Schattenwurf auf Sensoren, reagiert das Objekt indem es die Information elektronisch verarbeitet und in hörbare Klänge und Geräusche umwandelt. „Minimal Music Piece“ ist ein Zusammenspiel aus ästhetisch ansprechender Optik, komplexer Schaltkreise und der Möglichkeit als Betrachter selbst aktiv an der Kunst teil zu haben. Dies und die individuellen Erfahrungen, die jeder selbst mit den Arbeiten Peter Vogels machen kann, sind das, was für mich die besondere Faszination ausmachen.

 

Julia Steinbach, M.A.
Ehemalige wissenschaftliche Volontärin der Stiftung

Ludwig Wildings Spiel mit der Wahrnehmung


Ludwig Wilding, RC 1003, Räumliche Collage, 1985, Siebdruck auf Kapafix, 100 x 100 cm, ©Nachlass Ludwig Wilding/ Ingeborg Wilding-König, Foto: Helmut Bauer, Ingolstadt

Als Volontärin der Stiftung für Konkrete Kunst und Design befasse ich mich vor allem mit den Vor- und Nachlässen der Stiftungskünstler, zu denen auch eine große Bandbreite an Werken von Ludwig Wilding gehört. Zusammen mit seiner Frau Ingeborg Wilding war Ludwig Wilding Gründungsstifter der Stiftung.

Das Experimentieren mit der visuellen Wahrnehmung steht bei seiner Kunst im Vordergrund. Meist handelt es sich bei Wildings Werken um dreidimensionale Objekte. Mit Streifen aus Kapafix, die überlagert werden, fügen sich in der räumlichen Collage „RC 1003“ Raster zusammen. Durch die schwarz-weißen Kontraste sowie die Strukturüberlagerung entsteht der sogenannte Moiré-Effekt – dieser beschreibt die virtuellen Bewegungen und Verschiebungen im Bild. Das Ziel des Künstlers ist dabei die Sehgewohnheiten des Betrachters zu irritieren und diesem eine neue Art der Wahrnehmung vorzustellen.
Die Aspekte Verknüpfung, Raster, Wahrnehmung und Täuschung spielen bei meinem Lieblingsstück „RC 1003“ die größte Rolle. Diese Vielfalt begeistert mich und lässt für jeden Betrachter verschiedene Zugänge zum Werk zu.

Sarah Kirsch, ehemalige wissenschaftliche Volontärin der Stiftung

 

 

Christian Megerts Spiegelraum


Christian Megert: Zero-Raum, 1963-2006, Holz, Spiegel, Faden, 600 x 600 x 400 cm, Stiftung für Konkrete Kunst und Design, Foto: Helmut Bauer, Ingolstadt

Der Zero-Raum von Christian Megert ist für mich ein einzigartiges Werk unserer Sammlung und ein persönliches Lieblingsstück. Es handelt sich hierbei um eine großformatige Installation aus einer gewölbten Spiegelwand von vier Metern Höhe und einem davorgehängten Mobile aus runden Spiegeln. 

Den Zero-Raum auszustellen, erfordert aufgrund seiner Ausmaße einiges an Vorbereitung und Manpower. Daher freut es mich immer besonders, wenn solche Werke aus dem Depot geholt werden und man diesen Raum aufgebaut erleben kann. Das Museum Ritter in Waldenbuch - das die Kunstsammlung der Miteigentümerin der Firma Ritter Sport, Marli Hoppe-Ritter, zeigt - hat dieses Werk gerade von uns für eine großartige Einzelausstellung des Künstlers Christian Megert ausgeliehen. Dort war Zero-Raum das Highlight der Ausstellung „Christian Megert. Ohne Anfang und Ende“. Dies ist für mich gut nachvollziehbar, denn gerade die Interaktion, in die der Betrachter mit dem Zero-Raum tritt, übt eine große Faszination aus. Die vielen Spiegel reflektieren den Raum und den Betrachter selbst aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei ergibt sich ein bewegtes Bild, denn die Rundspiegel des Mobiles drehen sich schon bei der geringsten Luftbewegung und verändern so immerfort die Raumerfahrung.

Bereits seit den 1960er Jahren arbeitete Christian Megert mit Spiegeln. In seinem Manifest „ein neuer Raum“ von 1961 beschreibt er seine Intention hierfür: „ich will einen neuen raum bauen, einen raum ohne anfang und ende, in dem alles lebt und zum leben aufgefordert wird, der gleichzeitig ruhig und laut, unbewegt und bewegt ist. (…) und die bewohner dieses raums werden zu den größten künstlern unserer zeit, und jedermann kann ein bewohner dieses raumes werden.“ So gibt Megert jedem Betrachter die Möglichkeit, ein Künstler zu werden. Und ich freue mich darauf, wenn wir den Zero-Raum im neuen Museum ab 2019 zeigen können. 

Dorothea Niggemeier, ehemalige Mitarbeiterin

Gotthard Graubners Kissenbild


Gotthard Graubner, Ohne Titel, 1983/84, Mischtechnik auf textilem Bildträger, 104 x 103 x 13 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto: Helmut Bauer, Ingolstadt

Neuzugang. Substantiv, maskulin - 1. neues Hinzukommen; 2. neu hinzukommende oder gekommene Person oder Sache

Gotthard Graubners Werk „Ohne Titel” von 1983 und ich haben etwas gemeinsam. Wir waren beide im Juli 2014 Neuzugänge im Museum für Konkrete Kunst. So fiel die Wahl auf mein Lieblingsstück nicht schwer, war es doch das erste Bild, das von mir eine Inventarnummer erhielt. Zugleich ergab sich dadurch eine Herausforderung. Denn Werke von Graubner (1930-2013) sind schwer zu beschreiben, schwer fotografisch zu reproduzieren. 
Es sind ihre besondere Farbigkeit und Räumlichkeit, die eine tatsächliche Präsenz des Betrachters fordern. Graubner arbeitete nicht mit herkömmlichen Leinwänden, die eine plane Fläche ergeben. Er spannte sie auf Keilrahmen, zog über diese eine Schicht synthetischer Watte und darüber wiederum eine Textilbespannung, deren Seitenkanten er weich abrundete. Viele dünne Farbschichten trug er fließend oder fleckig besprengt auf die kissenähnlichen Träger auf. Die Farbe drang so unregelmäßig in die Körper ein, suchte sich ihren „Farbraum“ und entwickelte dabei ein Eigenleben. 
Graubners Farbraumkörper verlangen ein direktes Betrachten und so freue ich mich darüber, dass unser Neuzugang nicht im Depot verborgen bleibt. In der Ausstellung „Verknüpft. Haleh Redjaian und die Sammlung“ gibt es sich vom 12.03. bis 12.06.2016 zu zeigen.

Dr. Theres Rohde, Kuratorin