Ausstellungsdauer: 29.09.2006 bis 28.01.2007
Ausstellungsort: Museum für Konkrete Kunst
Eröffnung: Donnerstag, 28.09.2006, 19:00 Uhr
Im Sommer 1961 zeigten 29 Künstler aus Jugoslawien, Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien, Argentinien und Brasilien in der Galerija suvremene umjetnosti in Zagreb ihre Werke. Diese Ausstellung mit dem Titel »Nove Tendencije« war die Geburtsstunde der internationalen Künstlerbewegung »Die Neuen Tendenzen«. Im damaligen Jugoslawien, fernab des westeuropäischen Kunstbetriebs, kamen auf Anregung von Almir Mavignier junge Künstler zusammen, die in der Tradition der Avantgardebewegungen der ersten Jahrhunderthälfte eine vollkommen neue Kunst anstrebten, die der modernen Lebenswelt Rechnung tragen und Kunst, Wissenschaft und Technologie miteinander versöhnen sollte.
Während der sechziger Jahre waren die Neuen Tendenzen weit mehr als eine Künstlergruppe; sie waren vielmehr eine Sammelbewegung nahezu aller europäischen und südamerikanische Künstler und Künstlergruppen, die der Op Art, der kinetischen und interaktiven Kunst und der Licht-Kunst zuzurechnen sind. Den Neuen Tendenzen gehörten u. a. auch die Mitglieder der Gruppen Zero und Effekt (Deutschland), Grav (Frankreich), Gruppo N und Gruppo T (Italien) und der ehemaligen Gruppe Exat 51 (Jugoslawien) an. Ab 1961 fanden in Zagreb fünf Ausstellungen der Neuen Tendenzen statt, weitere Ausstellungen wurden u.a. in Venedig, Leverkusen und 1964 im Musée des Arts Décoratifs in Paris gezeigt. Als William C. Seitz 1965 die berühmte Ausstellung »The Responsive Eye« im Museum of Modern Art in New York zeigte, bezog er sich maßgeblich auf die Ausstellung der Nouvelle Tendance in Paris, die er ein Jahr zuvor gesehen hatte. Im Kontext dieser Ausstellung wurde vom Time Magazine der Begriff Op Art geprägt und damit in Amerika für die europäische Kunst der Neuen Tendenzen ein vereinfachendes Schlagwort gefunden. Obwohl viele Künstler den Begriff ablehnten, wurde er spätestens 1968 durch die Documenta 4 zum kunsthistorischen Terminus. Werner Spies betont in seinem Aufsatz Op Art und Kinetik im Katalog der Documenta den engen Zusammenhang zwischen beiden künstlerischen Ansätzen und thematisiert damit zugleich die Problematik des Begriffs Op Art als Sammelbegriff für die Kunst der Neuen Tendenzen.
An den Werken der Neuen Tendenzen wird die Begeisterung der damaligen Zeit für technischen Fortschritt, Dynamik und die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Moderne deutlich. So verwendeten viele Künstler bis dahin nur selten in der Kunst benutzte Materialien wie Plexiglas, Aluminium und elektrisches Licht, einige Arbeiten werden von Motoren angetrieben, sie leuchten und bewegen sich.
Es war außerdem ein zentrales Anliegen der Neuen Tendenzen, den Betrachter aus seiner passiven Rolle zu befreien und ihn zum Teilnehmer an der Kunst zu machen. So kann der Besucher dieser Ausstellung bei einigen Werken selbst Hand anlegen und die Werke bewegen und verändern, mit ihnen spielen oder sie sogar aufessen. Andere Arbeiten verändern ihre Erscheinung je nach Standort des Betrachters, so dass er durch seine Bewegungen Einfluss auf das hat, was er sieht.
Viele Künstler der Neuen Tendenzen empfanden sich als Wissenschaftler, die keine Kunst mehr machten, sondern Forschung betrieben. Sie wollten die menschliche Wahrnehmung herausfordern und verunsichern und somit untersuchen. Ihre Kunst wird zu einem visuellen Erlebnis, das dem Betrachter neue und überraschende Erfahrungen ermöglicht. Der Betrachter kann vor den Werken dieser Ausstellung über sein Sehen und seine Wahrnehmung reflektieren und somit auch etwas über sich selbst lernen.
Der experimentelle und avantgardistische Charakter der Neuen Tendenzen zeigte sich auch in der Zusammensetzung der beiden letzten Ausstellungen. 1968 wurde in Zagreb eine umfangreiche Sektion mit Computerkunst gezeigt, die damals noch keinesfalls als Kunst allgemeine Anerkennung gefunden hatte und erst seit 1965 in die Öffentlichkeit getreten war. In der letzten Zagreber Ausstellung 1973 war dann auch die Konzeptuelle Kunst vertreten, die ebenso wie die Computerkunst in den Ausstellungen der Neuen Tendenzen eine bedeutende Plattform gefunden hat.
In Ingolstadt wird dieses europäische Projekt, das in der kroatischen Hauptstadt seinen Anfang nahm, erstmals umfangreich präsentiert. In der Ausstellung werden die wichtigsten Künstler und Künstlergruppen mit Werken vertreten sein. Viele Arbeiten, die in Ingolstadt gezeigt werden, stammen aus den Beständen des Muzej Suvremene Umjetnosti in Zagreb, in dem die Zagreber Ausstellungen stattfanden.
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, dreisprachiger Katalog (deutsch, englisch, kroatisch), in dem zentrale Aspekte dieser gesamteuropäischen Künstlerbewegung wissenschaftlich erarbeitet werden. Die Artikel werden von den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Museums sowie von Udo Kultermann, Herbert W. Franke und Hans-Dieter Huber verfasst. Interviews mit Protagonisten der NT (Almir Mavignier, Joël Stein, Ivan Picelj, Enzo Mari) ergänzen den wissenschaftlichen Teil. Das umfangreiche Fotomaterial, das die Geschichte der Neuen Tendenzen dokumentiert, wird zum Teil erstmals publiziert.
zu
den Exponaten (eine Liste)
Das Ausstellungsplakat wird von Almir Mavignier gestaltet,
der in den Anfängen der Neuen Tendenzen der Motor der
Bewegung gewesen ist.
Die Ausstellung wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.
Den Katalog zur Ausstellung können Sie unter mkk@ingolstadt.de bestellen.
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DIE NEUEN TENDENZEN
gefördert durch die:

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